PNY Tagesbericht 2.-4. März 2010
BlueGerbil | 4. März 2010 20:4702.03.2010: 137. Kurzmeldung (21:45 Uhr MEZ)Übel, übel.
Gestern Abend stellten wir fest dass am F1 nach einem Knacken hinten links vier von fünf Stehbolzen abgerissen waren. Bei genauerer Betrachtung waren die rechten dann auch lose und die am F2 auch. Alle Bolzen hatten sich in den Spurverbreiterungen gelockert, waren ausgebrochen. Die brauchen wir aber, weil die Herstellerfirma, die ursprüngliche Umbaufirma, die Beadlockschlauchlöcher falsch in die Felgen gebohrt hat. Das mit Reifen runter und rauf im Schnee, mit Umbau Reserverad, etc. bescherte uns 12 Stunden Arbeit unter härtesten Bedingungen. Denn gegen 19 Uhr setzte ein Blizzard ein. Übel, übel, übel.
Dazu kam plötzlich ein Gestank im F1, der wie faule Eier roch. Wir räumten das ganze Auto aus (ihr macht euch kein Bild davon wie heftig das unter den Bedingungen ist), Schnee im/unter/über/am Auto, in den Kleidern, im Equipment, alles alles voll mit Schnee. Schließlich fanden wir, dass die hintere rechte Batterie einen inneren Kurzschluss hatte, extrem heiß war und zu platzen drohte. Wir bauten sie aus.
Kann grad nicht mehr schreiben. Wir sind fix und fertig. Um uns herum tobt weiter der Sturm aber wir sind jetzt abfahrbereit. Draußen ist es kaum auszuhalten. Manche hatten mit beginnenden Erfrierungen im Gesicht und an den Händen zu kämpfen. Wir passten gegenseitig auf dass keine großen ungeschützten Stellen da waren und hatten alles an Schutzkleidung an was geht.Hoffen weiter zu kommen. Schneeverwehungen binnen Minuten. Krass.
03.03.2010: 138. Kurzmeldung (06:26 Uhr MEZ)
11 Uhr. Fahren seit einiger Zeit bei einer Sicht von 5-10 Meter. Nur das GPS navigiert.
Aber wir müssen weiter. Der Blizzard jetzt ist nur der Vorgeschmack auf die beiden Orkantiefs, die in spätestens zwei Tagen beginnen hintereinander auf uns zu treffen. Wir versuchen einen alten Vestichottrack zu halten. Derzeit haben wir 1.300 l Kraftstoff und Verpflegung für 14 Tage an Bord um rein rechnerisch Stürme mit laufenden Motoren bis zu 14 Tagen in der Tundra zu überstehen. Plus absolute Notreserve vier Tage ausschließlich Innenraumheizung durch Webasto. Danach wird es nur sehr schwer werden weiter zu kommen, weil die Tiefs Schnee bringen.
Das Team ist wohl auf und stark. Keine bleibenden Schäden von Froststellen. Alle Erfrierungen aufgetaut und Gefühl zurück.16 Uhr. Nichts geht mehr gerade. Sicht null. Heftiger Blizzard. Keine Möglichkeit weiter zu fahren. Haben beide Wagen parallel gestellt, einen Zeltschutz vorne um die Wagen gebaut um die Motoren etwas zu schützen.
Werden jetzt etwas essen und uns dann hinlegen. Hoffentlich lässt der Sturm in der Nacht nach, dann brechen wir wieder auf.Im Moment befinden wir uns ca. 60 km vor Lorino bei N 65°09.595 / W 172°12.403.
Das Iridium funktioniert. Wir sind per Telefon, Fax und E-Mail erreichbar. Alles okay. Hoffentlich stecken wir hier nicht ewig fest.









03.03.2010: 139. Kurzmeldung (19:16 Uhr MEZ)
4 Uhr. Es stürmt immer noch wie verrückt. Die Schneewehen um uns herum sind mittlerweile wie eine Sandburg. Eisige Kälte ohne Windberücksichtigung -30°C. Bei dem Wind dürfte das locker -40°C oder mehr bedeuten. Die Handschuhe können wir jedenfalls nur für ein paar Sekunden ausziehen. Mussten eben unter Anderem nachtanken und die Luftansaugstutzen mit Stoff umwickeln. Letzteres weil ansonsten Schnee eindringt und das schlecht für Motor und Heizsystem ist. Die Aktion ist krass bei den Gegebenheiten. Binnen Sekunden bist du voll von umher wirbelndem Schnee; an den Augenwimpern bilden sich Eiszapfen als wollten sie bis zum Kinn wachsen.
Unmittelbar als wir ausstiegen bemerkte ich einen Geruch nach Verschmortem. Sofort fingen wir alle an zu suchen. Ich erinnerte mich an Jakutsk, wo wir ebenfalls in einen starken Blizzard gerieten und Eis die Lüftermotoren blockierte und der Lüftermotor durchbrannte. Dasselbe war jetzt wieder der Fall als wir die Motorhaube von F2 öffneten. F2 hat somit wieder Arbeit für uns bevor wir weiterfahren können.
Haben die Autos jedoch erst mal weiter eingegraben; untenrum mehr oder weniger dicht gemacht mit Schnee. Das wird kein Spaß beim Ausschaufeln. Kerle, Kerle.
Fahrzeuge laufen ansonsten, auch wenn sie nicht dicht sind (bei derart heftigem Schneesturm dringt Schnee durch die Ritzen/Dichtungen - ist wie in der Wüste, der Sand findet auch überall seinen Weg).Ansonsten ist das Team wohl auf, alles ok.
Position unverändert: N 65°09.594 / W 172°12.404
04.03.2010: 140. Kurzmeldung (08:31 Uhr MEZ)
Gefangen im Blizzard harren wir der Dinge.
Das ist nicht wirklich schön und braucht Nerven. Der Sturm reißt an den Wagen, dem Schutz, den Aufbauten. Wir sehen fast nichts, die Kleidung ist nass, teilweise vereist, die Füße kalt, der Innenraum zum umziehen mit dicker Kleidung eher klein und wer denkt „Na ja, die liegen jetzt faul seit über 30 Stunden im Auto rum“, weit gefehlt.
Zuerst stieg die Temperatur bei F2 an, der ja aktuell ohne Lüfter ist, da wir die Reparatur bei dem Sturm nicht durchführen konnten. Dann streikten nacheinander die Innenraumventilatoren beider Wagen, was echt ärgerlich war, denn dann fehlt F2 die letzte Kühlungsmöglichkeit für den Motor und im F1 wird es auch saukalt.
Nachdem wir die Handschuhfächer ausgebaut hatten, fanden wir raus, dass die Ventilatoren - trotz dass wir die Lufteinlässe komplett mit Stoff verschlossen haben - bis oben mit Schnee voll standen. Dadurch gelangt Schnee und Eis in die Ventilatoren und droht diese zu blockieren. Ich begann gerade damit mir gedanklich einzelne Gelenke auszukugeln um anschließend akrobatisch vom Fahrersitz über Victor, den Beifahrersitz und zwischen allen Computern, etc. hindurch kopfüber in den Beifahrerfußraum zu tauchen, dann während mir das Blut ins Hirn strömt den Ventilator von unten auszubauen, als Victor eine gute Idee hatte.
Da es zwischenzeitlich saukalt im Auto war (Lüfter war ja aus), hatten wir die Webasto Standheizung zugeschaltet. Das Ding bollert ohne Ende Hitze raus und ist dermaßen genial, dass wir mit zwei Heizschlauchverlängerungen (die hatte ich zur Sicherheit nach Egvekinot mitgebracht) und der Idee von Victor die heiße Luft so umlenkten, dass wir den Luftstrahl direkt auf die Heizungseinheit im Armaturenbrett lenkten. So taute das Eis binnen Minuten und wir haben wieder Lüfterfunktion, die Heizung geht. Die Motortemperatur am F2 lässt sich so steuern nachdem wir die Reparaturmethode auch am zweiten Fahrzeug anwendeten.
Mittlerweile nehmen wir den Heißluftstrahl der Webasto auch zum Wasser anwärmen. Es kocht zwar nicht, wird aber richtig heiß. Genial.
Ansonsten ist da immer die Angst dass das nächste Bauteil diese Extreme nicht aushält. Die Schneewehen türmen sich, F2 müssen wir rechts alle paar Stunden wieder freischaufeln, weil sonst die Türen nicht mehr aufgehen. Wir kratzen das Eis und den Schnee innen von den Türen, verrenken uns die Füße um sie an den Luftaustritten oben zu wärmen, da unten zu schwach und der Fußraum um null Grad usw. Also nichts für schwache Nerven. [/quote]
Categories: Allgemein



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